Die Orgelreinigung hat begonnen

Die Orgelreinigung hat begonnen
08.08.2019
N. Hartwig

Die Orgelreinigung hat begonnen

 Nach Abschluss der aufwendigen Renovierungsarbeiten an unserer Kirche steht nun die Orgelreinigung an 

Im Juni dieses Jahres ist es endlich soweit! Die Arbeiten an der Orgel beginnen. Die Orgelbauwerkstatt „Orgelbau Oppel“ aus dem Sauerland, Schmallenberg-Gellinghausen, wird die Arbeiten ausführen. Diese werden wahrscheinlich mehr als ein gutes halbes Jahr in Anspruch nehmen. Sicherlich stellen Sie sich die Frage, weshalb das ganze nötig ist und wieso es so lange dauert? Was wird da eigentlich gemacht? Dazu möchte ich in diesem Bericht Auskunft geben und stehe Ihnen auch gerne bei weiteren Fragen zur Verfügung. Verkürzt gesagt, wird die Orgel gereinigt (Pfeifen, Mechanik, Dichtungen, Lager etc.), Verschleißmaterial ausgetauscht, die Mechanik verbessert, zusätzlich eine elektrische Steuerung eingebaut, an die ein zweiter beweglichen Spieltisch angeschlossen wird. Schließlich wird die Orgel um zwei notwendige Register erweitert und die Orgel klanglich an den Raum angepasst. Die Reinigung wurde durch den Baustaub in der Orgel notwendig. Was dies im einzelnen Bedeutet, welche Fragen Ihnen womöglich auf der Zunge liegen, versuche ich in den folgenden Abschnitten zu beantworten. Da eine Orgel ein ziemlich komplexes Instrument ist, wird es nicht leicht sein, die Arbeiten und Arbeitsschritte einfach darzustellen. Wichtig ist mir aber, Ihnen den Umfang und die Vielschichtigkeit der Arbeiten zu beschreiben. Daraus ergeben sich dann für Jedermann leicht einsichtig die Dauer und die Kosten der Maßnahme.

 

Weshalb müssen Arbeiten an unserer Orgel stattfinden?

Durch die Sandstrahlarbeiten an den Außenwänden der Kirche gelangte Anfang 2015 Baustaub in die Orgel. Der für unseren Kirchenkreis zuständige Orgelsachverständige Manfred Schwartz aus Much empfahl aufgrund des Baustaubes in der Orgel, diese stillzulegen und vor weiterem Baustaub zu schützen in dem sie eingepackt (Eingehaust) werden sollte, denn umso verschmutzter die Orgel ist, desto aufwändiger und kostspieliger ist die Reinigung. Gerade Baustaub lässt sich schlechter entfernen als normaler Staub. Die Orgel wurde daraufhin von der Fa. Schuke/Potsdam eingehaust.

 

Weshalb ist der Baustaub schädlich für eine Orgel?

Baustaub löst durch seinen Kalzit haltigen Anteil chemische Reaktionen bei verschiedenen Materialien aus. Leder trocknet, wird spröde und reißt dann, Filze verhärten. Welche langfristigen chemischen Reaktionen bei den Metallpfeifen, die aus einer aus Zinn-Bleilegierung bestehen, stattfinden, ist zur Zeit noch nicht geklärt. Weiterhin wirkt Baustaub an Lagerstellen wie Schmirgelpaper. In unserer Schuke-Orgel werden in der Mechanik sogenannte „Spitzenlager“ verwendet. Diese sind besonders empfindlich. Setzt sich der Baustaub in die Lager, kann er dies „aufreiben“, so dass die Mechanik noch schwergängiger wird und die Lager dann ausgetauscht werden müssen.

 

(Spitzenlager die empfindlichen Lager, die durch den Baustaub gefährdet sind)

 

Nachdem die Arbeiten am Kirchenschiff abgeschlossen waren, wurde die Turmsanierung angegangen. Die Orgel blieb eingepackt. Da abzusehen war, dass bis zur Reinigung noch eine lange Zeit ins Land gehen würde, wurde eine Leih-Orgel gemietet. Hierzu wurden verschiedene Firmen angeschrieben. Das preiswerteste Angebot der Fa. Oppel bekam den Zuschlag.

 

Nach dem Anschluss der Sanierungsarbeiten an der Außenhülle der Kirche, wurde die Orgel ausgepackt. Nun konnte eine gründliche Begutachtung der Orgel durch OSV Manfred Schwartz durchgeführt werden. Diese dauerte einen ganzen Tag. Bei der Begutachtung fanden die objektiven Messmethoden, die Manfred Schwartz zur Grundlage der Beurteilung einer Orgel legt Anwendung. Außerdem floss seine große Fachkenntnis zum Gewinn für die Gemeinde ein. Er hat über 500 Orgelprojekte betreut, dabei so komplexe Orgeln wie die Orgelanlage im Hamburger Michel oder die Orgel der Elbphilharmonie, dessen Konzept von Manfred Schwartz stammt.

 

Was wird eigentlich alles bei so einer Orgelbegutachtung untersucht und was wird bei einer Reinigung alles an Arbeiten ausgeführt?

 

Die Pfeifen:

Eine Pfeifenorgel besteht aus tausenden von Einzelteilen. Dazu zählen die 1730 Pfeifen in unserer Orgel:

 

Die 728 Pfeifen des Hauptwerkes stehen oben hinter den mittleren fünf Pfeifenfeldern.

(Pfeifen Hauptwerk)

 

Die 672 Pfeifen des Schwellwerkes stehen hinter den Jalousien, die mittels Fußtritt geöffnet und geschlossen werden können um die Lautstärke zu variieren.

(Pfeifen Schwellwerk)

 

Die 330 Pfeifen des Pedals stehen hinter den beiden äußeren Pfeifenfeldern mit den großen Pfeifen und auf der gesamten Breite der Orgel hinten vor der Wand.

Pfeifen Pedal

 

Die längste Pfeife unserer Orgel misst ca. 5 m und steht vom Boden der Orgelempore bis zur Decke. Die kleinste Pfeife ist mit dem Teil der den Klang erzeugt kürzer als ein 1 Euro Stück. Zwar ist der Pfeifenfuß länger, aber nur damit die Pfeife aufgestellt werden kann.

(Eine der kleinsten Pfeifen der Orgel)

 

Die Metallpfeifen bestehen aus einer weichen Zinn-Blei Legierung. Je nach gewünschtem Klang oder auch gewünschtem Glanz in der Ansicht ist der Zinn- oder der Bleianteil höher. Stehen die Pfeifen im „Prospekt“ (also in der Vorderansicht) wird ein hoher Zinnanteil, i. d. R. von über 80 % gewählt. Die Holzpfeifen in unserer Orgel sind überwiegend aus Nadelholz. Einige der Metall- und Holzpfeifen stammen aus der Ibach- Orgel(Barmen) von 1870, und sind so stark überarbeitet, dass diese alten Pfeifen heute ganz anders klingen als früher. Dann sind noch Pfeifen aus der Vorgängerorgel von Emanuel Kemper/Lübeck aus dem Jahre 1974 vorhanden. Was viele nicht wissen, selbst Kirchenmusiker Kollegen nicht, dass der Klang einer Pfeife von über 50 Faktoren abhängt. Eine Pfeife kann sehr stark im Klang verändert werden.

 

Von dem Sachverständigen werden die Pfeifen stichprobenartig untersucht. Zunächst, da das Material recht weich ist, ob die Pfeifen mechanisch beschädigt sind, z.B. durch unsachgemäßes Stimmen, eingerissen oder krumm. Dadurch verändert sich dann der Klang bis dahin, dass gar kein Ton mehr aus einer Pfeife kommen kann. Weiterhin wird der Klang der einzelnen Register bewertet. Dies geschieht zum einen durch objektive Messverfahren, wie die „Real Time Analyse“ die das Frequenzspektrum der Orgel liefert, durch eine Obertonanalyse der einzelnen Pfeifen und durch abhören des Klanges der einzelnen Register, sowie verschiedenen Register Kombinationen. Herr Schwartz schreibt u. A. dazu in seinem Gutachten:

„Es wurden verschiedene Standardregistrierungen mittig im Raum abgehört und gemessen. Im Generaltutti wird die Dysbalance zwischen den Teilwerken HW+SW gegenüber dem Teilwerk Pedal besonders deutlich. Aber auch bereits leisere Registrierungen zeigen diese mehrfach hier beschriebene Dysbalance auf.
Zum Diskant hin erscheint dann der größte Anteil der Klangsubstanzen forciert und aufdringlich. Zusammengefasst bedeutet dies: Kraft /Klangvolumen wird hier durch hochliegende Klangsubstanzen erzeugt, die dann in Form von Helligkeit Volumen vortäuschen. Der klangliche „Unterbau“ hingegen ist kaum wahrnehmbar. Hierdurch entstehen einige Probleme:
zum einen kann ein Chor bereits schon mit wenigen Grundstimmen nicht mehr adäquat begleitet werden, bei größeren Lautstärken dominiert diese Helligkeit bis hin zu einer gewissen unangenehmen Schärfe und Aggressivität des Klangbildes. Hierdurch ermüdet der Hörer schnell und kann polyphone Strukturen dann weniger gut verfolgen.
Diese „Missstände“ können nur im Rahmen einer ganzheitlichen Intonationskorrektur, wie bereits im Gutachtentext beschrieben, behoben werden.“

 

Bei einer Reinigung werden alle Pfeifen ausgebaut und von Hand, entweder feucht in einem Wasserbad oder trocken teilweise in der Werkstatt gereinigt. Anschließend  werden die Pfeifen für die Umintonation, bearbeitet um die von Herrn Schwartz beschriebenen klanglichen Missstände zu beheben. Nachdem die gesamte Orgel technisch überarbeitet ist, werden die Pfeifen wieder eingebaut. Jede einzelne Pfeife wird klanglich neu auf den Raum abgestimmt. Dies kann schon einmal zwei Tage pro Register und mehr dauern. Um das jetzige Schwellwerk zu stärken und klanglich zu bereichern wird ein dringend benötigtes Register Namens „Salicional“, ein sogenannter Streicher, der das Schwellwerk, gerade auch für Chorbegleitung stärkt, hinzugefügt. Ebenso werden durch Ergänzung von 12 Pfeifen bei dem Prinzipal 16´ ein neuer Oktavbass 8´ entstehen, der gerade für die Gemeindebegleitung und neuer Lieder oder Pop- und Jazz-Stücke auf der Orgel wichtig ist.

Für die Umintontion geht, bei dann 28 Registern einiges an Zeit ins Land. Aber gerade diese Phase ist sehr entscheidend, denn Sie als Zuhörer hören den Klang der Orgel. 

 

Die Windversorgung der Orgel:

Bei der Luft, die durch die Pfeifen geblasen wird, spricht man im Orgelbau vom „Wind“.

Damit diese klangliche Umstellung gelingt, muss auch das Windsystem mit einer leistungsfähigeren Windmaschine ausgestattet werden. Dadurch, dass bei der Umintonation die sogenannte Kernspalte durch die der Windaustritt an der Pfeife austritt geweitet wird, verbraucht jede Pfeife mehr Wind, somit steigt der Windverbrauch. Der jetzige Motor hat lediglich eine Leistung von 7,5 cbm/Min. Benötigt werden dann voraussichtlich mindestens 21 cbm/Min.

 

Mechanische Steuerung der Orgel:

Weiterhin sind tausende von einzelnen Teilen in der Mechanik verbaut. Von jeder der 142 Tasten besteht eine mechanische Verbindung aus dicken Drähten über dünne Holzleisten (Abstrakten) und Umlenkungen in Form von Winkeln und Wippen, von den Tasten zu den Ventilen.

(Blick auf die Tonmechanik hinter den Tasten)

(Blick in das Untergehäuse, im Vordergrund

Teile der Registermechanik)

(Winkelbalken: Winkel zur Verbindung in der Tonmechanik)

 

Alle diese Elemente werden gereinigt, teilweise zerlegt, verschlissene Materialien erneuert, Lagerstellen kontrolliert, gereinigt, nachgespannt, verschlissene Lager ausgetauscht, etc.

 

Die Windladen – Schaltzentrale der Orgel:

Die Schaltzentrale in der Orgel ist die sogenannte Windlade. In ihr wird die Tonmechanik, die Registermachanik und der Wind für die Pfeifen zusammengeführt. Auf ihr stehen dann die Pfeifen. Für jeden Ton auf der Klaviatur ist in der Windlade eine Windkammer (Kanzelle) vorhanden. Mit der Taste am Spieltisch wird beim Niederdrücken über die mechanische Verbindung ein Ventil geöffnet so, dass der Wind in die Tonkanzelle strömen kann. Oberhalb dieser Tonkanzellen befinden sich für jede Pfeife Löcher (Bohrungen), darüber dann verschiebbare lange dünne Bretter, die Schleifen, in denen die Bohrungen an gleicher Stelle sind. Noch eine Etage darüber befindet sich eine dreilagiges dickes Brett, der sogenannte Pfeifenstock. An der Unterseite sind die Löcher wie in den darunter befindlichen Ebenen. In der Mitte sind Windumlekungen, sogenannte „Verführungen“,  oben stehen dann die Pfeifen in den Bohrungen und werden durch ein noch darüber befindliches Brett, dem Rasterbrett gehalten.

Ventilkasten mit den Tonventilen)

(Aufbau der Windladen - Schaltzentrale der Orgel)

Die Register (also die unterschiedlichen Klänge)  werden über die Schleifen ein und ausgeschaltet. Weiterhin befindet sich in der Windlade ein Ventil, das den Windeinlass in Abhängigkeit von dem Windverbrauch regelt.

Die Arbeiten an der Windlade umfassen zunächst die Reinigung. Dazu wird der obere Aufbau der Registerschaltung auseinander gebaut, gereinigt, kontrolliert ob die 1730 Dichtungen noch in Ordnung sind. Alle 142 Ventile werden gereinigt, das Leder, das zum Abdichten auf den Ventilen sitzt ,wird aufgebürstet, die Federn unter den Ventilen neu gebogen, so dass der Federdruck möglichst gleichmäßig ist. Die Dichtungen der Deckel werden geprüft und die Dichtungen an den Drähten, die die Ventile mit der Tonmechanik verbinden, die Sogenannten Pulpeten werden wegen giftigem Bleizuckerbefall ausgetauscht.

 

Der starke Verschmutzungszustand der Orgel ist auf dem unteren Foto gut zu sehen.

 

 

Der zweite bewegliche Spieltisch:

Was ergänzt wird, ist ein zweiter Spieltisch, der beweglich ist. Dieser soll unten in der Kirche Aufstellung finden, sodass zum einen bei den Gottesdiensten die Nähe zur Gemeinde gegeben ist, zum anderen, dass Dirigent und Organist in Personalunion die Kantorei von dem Orgelspieltisch aus leiten kann, was bislang nicht möglich war.

Um die Orgel von einem zweiten Spieltisch aus steuern zu können, wird die Orgel elektrifiziert, d. h. pro Taste und Register wird ein Magnet in die Orgel eingebaut und dann mittels Computer Technik angesteuert. Daraus ergeben sich dann vielfältige Programmierungsmöglichkeiten, so dass für viele Stücke zum einen kein Registrant mehr notwendig ist zum anderen neue Klangmöglichkeiten über Oktavkoppeln generiert werden. In dem Spieltisch wird auch eine Klaviertastatur eingebaut, so dass der Orgelklang durch synthetische Klänge (Klavier, Kontrabass, Glockenspiel etc.) über Lautsprecher ergänzt werden kann. Dies kommt vor allem der Begleitung modernen Leidgutes aus dem populären Bereich zugute und es ergeben sich vielfältige neue Möglichkeiten. Somit wird unser Instrument im Kirchenkreis die modernste Orgel mit innovativen Möglichkeiten.

 

Auch Sie haben die Möglichkeit sich zu beteiligen:

Wenn Sie sich an der Maßnahme beteiligen möchten, so können Sie dies demnächst in Form von Pfeifenpatenschaften. Das heißt Sie können die Patenschaft für einzelne oder  mehrere Pfeifen oder auch ganze Register übernehmen und bekommen darüber eine Patenschaftsurkunde. Da alle Pfeifen aus der Orgel weiterverwendet werden, stellen wir eine schöne Urkunde aus, die an Sie ausgehändigt wird und Ihr Name erscheint in einer Schautafel in der Kirche. Anonyme Spenden sind natürlich ebenso möglich. Viele Gemeindemitglieder anderer Gemeinden erwerben z. B. Pfeifen mit den Initialen Ihres Namens oder denen der Kinder/Enkelkinder, des Partners etc. Sicherlich eine ganz besondere Geschenkidee. Die Preise für die Patenschaften werden zwischen 5,00 € für kleine Pfeifen und 500,00 € für große Pfeifen kosten. Somit ist auch schon für kleines Geld eine wichtige Beteiligung möglich. Ich freue mich sehr über jede Unterstützung.

 

Ein Dank gilt allen Unterstützern, finanziell wie ideell im Namen der Orgel und im Namen all derer, die sich an ihren Klängen erfreuen, deren Herzen durch die Orgelklänge bewegt werden und die vielleicht auf diese Weise eine besondere Begegnung mit dem Höchsten haben. In besonderer Weise unserem Finanzkirchmeister Hans Sommer der sich so rührig auch um diese Maßnahme kümmert.

 

Ich danke Ihnen bereits im Voraus für jegliche noch so kleine Unterstützung. Nun lassen Sie uns gemeinsam auf den neuen Glanz bzw. Kang unserer Orgel freuen. Für Fragen rund um die Orgel und die Maßnahme stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

 

Ihr Michael Müller-Ebbinghaus

(Fotos: Norbert Nowak)